Das Evangelium

Sogar am Höhepunkt des Kampfes gegen die Religion schlossen jene, die das Evangelium geöffnet hatten, um darüber zu lachen, es häufig wieder, tief in Gedanken versunken... Das Evangelium ist eine Herausforderung. Es ist unmöglich, das Evangelium zu lesen und dabei so zu bleiben, wie man früher war. Worin liegt das Geheimnis dieses Buches?

Es geschah in Frankreich im Sommer 1928. In der Nähe von Paris organisierte man ein Sommerlager für Emigrantenkinder. An jenem Morgen entstand Unruhe, da man die Ankunft eines berühmten Theologen erwartete. Von den Kindern hatten einige eine bloß vage Vorstellung vom christlichen Glauben: Da sie sich in der Fremde befanden, vergaßen die Jugendlichen leicht ihre orthodoxen Wurzeln. Einer dieser Kinder war der vierzehnjährige Andrej Blum, der Sohn eines russischen Diplomaten.

Das Gespräch mit dem Gast begann. Andrej und einige seiner Altersgenossen interessierten sich für Militärthemen, besonders der Heroismus russischer Soldaten hatte es ihnen angetan. Nicht nur einmal hatte er gehört, dass die Grundlage für Heroismus der Glaube an Gott war. Aber wie groß war seine Enttäuschung, als der Theologe zu sprechen begann. „Er sprach über Christus, über das Evangelium, über das Christentum und führte uns heran an all das Süße, das man im Evangelium findet und das wir gerade verworfen hatten, auch ich: Sanftmut, Demut und Stille - alles sklavische Eigenschaften, die man den Christen zum Vorwurf macht, beginnend mit Nietzsche und nachher. Er versetzte mich in einen solchen Zustand, dass ich beschloss, nach Hause zu fahren, um herauszufinden, ob es bei uns daheim irgendwo ein Evangelium gäbe, um es zu prüfen und für immer damit Schluss zu machen."

Nachdem er zu Hause angekommen war, öffnete Andrej das Evangelium und zu seinem Erstaunen zeigte es sich, dass es gleich vier Evangelien gibt! Er musste eine Auswahl treffen. Nachdem er den Umfang jedes Evangeliums begutachtet hatte, wählte er das kürzeste aus - Markus. Das Lesen bereitete ihm Schwierigkeiten - die ungewöhnliche Sprache widersetzte sich dem Wunsch, mit diesem „allzu süßen"Christentum möglichst schnell Schluss zu machen. Aber schon bald fühlte er, dass sich mit jeder gelesenen Zeile etwas veränderte. „Ich saß, ich las und zwischen dem Anfang des ersten und dem Anfang des dritten Kapitels des Markusevangeliums fühlte ich plötzlich, dass an der anderen Seite des Tisches Christus steht. Und dieses Gefühl war so intensiv, dass ich innehalten musste, aufhörte zu lesen und ihn anblickte. Lange wandte ich meinen Blick nicht ab; ich sah nichts, ich hörte nichts und empfand keine Gefühle. Aber auch als ich gerade auf jene Stelle vor mir blickte, wo niemand war, hatte ich das klare Bewusstsein, dass Christus hier ganz gewiss steht. Ich erinnere mich, dass ich mich dann zurücklehnte und dachte: Wenn Christus hier lebendig hier steht, also der auferstandene Christus, so bedeutet das, dass ich persönlich zuverlässig weiß, dass Christus auferstanden ist, dass also alles, was über Ihn gesagt wird, wahr ist."

Später, als er schon erwachsen war, wurde Andrej Mönch und nahm den Namen Antonij an. Schon bald verbreitete sich in der gesamten Christenheit die Kunde von diesem bewundernswerten Menschen, dem „Apostel Englands", dem Metropoliten Antonij von Surozh, der sein ganzes Leben der Verkündigung des Christentums widmete.

Ähnliche Fälle sind unzählbar. Und am Höhepunkt des Kampfes gegen die Religion schlossen jene, die das Evangelium geöffnet hatten, um darüber zu lachen, es häufig wieder, tief in Gedanken versunken... Aber worüber? Worin besteht das Geheimnis dieses Buches?
Wie schon früher erwähnt wurde, schrieb Jesus Christus selbst nichts. Und wenn wir denken, dass die Aufgabe der Evangelisten, die die Evangelien schrieben, darin lag, die Biografie Christi darzulegen, dann werden wir enttäuscht.
Die Evangelien gleichen weniger einer ausführlichen und geschichtlichen Erzählung, sondern eher kurzen Notizen im Notizblock, wenn man für sich selbst schnell das Wichtigste aufzeichnet. In den Evangelien gibt es kein Vorwort, keine Einleitung, keinen Plan und keine Schlussfolgerungen. Die Verfasser der Evangelien sorgten sich nicht um den Stil und um besonders auserlesene Redeweisen, vielmehr mussten sie einfach aufschreiben, wofür sie Zeugen geworden waren. Deshalb sind die Evangelien fern von einer ausführlichen Beschreibung des Lebens Christi: Sie dienen nicht der Befriedigung der Neugierde, sondern sie sind Orientierungspunkte für das lebendige Gedächtnis Christi, des Gedächtnisses, das in der Kirche immer präsent ist, - ebenso wie die Erinnerung an das Geschehene im Notizblock zwischen den Zeilen und Anmerkungen ...

Das griechische Wort "Evangelium" bedeutet übersetzt „die gute Botschaft" - die gute Botschaft über die vollkommene Erlösung des Menschen durch Christus von den Banden der Sünde und der Tyrannei des Todes. Unabhängig davon, wer diese Nachricht verkündet - ob Matthäus, Markus, Lukas oder Johannes – sie hat immer den gleichen Inhalt: alle vier Autoren sprechen über diese gute Botschaft, über Jesus Christus, den Sohn Gottes.

Aber jeder dieser Autoren erwähnt das, was für ihn am wichtigsten ist. Matthäus spricht über Christus sowie über die Erfüllung der Prophezeiungen des Alten Testaments: Ihn, der in den Traditionen der Vorfahren tief verwurzelt ist, bewegt die langersehnte Erlösung von der Sünde und besonders das Erbarmen Gottes für die Sünder. Markus, der Jüngste der Apostel, stellt Christus in seinem Evangelium lebendig, klar und stark vor - als einen majestätischen und mächtigen König, der aber nicht ein König dieser Welt ist. Lukas, der Arzt, der Gefährte des Apostel Paulus, legt als gründlicher Mensch einen detaillierten Bericht vor, er bemüht sich, nichts Wichtiges zu übersehen, deshalb berichtet sein Evangelium ausführlicher als die anderen über Christus. Das Johannesevangelium ist etwas anders: Der Apostel war der Lieblingsjünger Christi, er hat sich erst im reiferen Alter dazu entschieden, das in Worte zu fassen, was seine Augen gesehen und seine Hände ertastet hatten... Da er das nicht wiederholen wollte, was die anderen Evangelisten schon geschrieben hatten, enthüllte der Apostel Johannes mit erstaunlich tiefgründigen Worten das unaussprechliche Geheimnis des Wesens Gottes - das Geheimnis der Liebe.
Das Evangelium ist eine Herausforderung. Es ist unmöglich das Evangelium zu lesen und dabei so zu bleiben, wie man früher war. Die Erzählung des Evangeliums zeigt uns Christus so real, so deutlich, dass der Leser unausweichlich vor der Wahl steht: entweder Christus anzunehmen oder sich von Ihm abzuwenden. Aber gleichgültig zu bleiben, ist nicht mehr möglich. Das Evangelium lässt den Leser nicht gleichgültig zurück - es wartet auf eine Antwort. Und diese Antwort wird der Glaube sein - der Glaube an das Evangelium: der Glaube daran, dass Jesus Christus der Sohn Gottes und der Erlöser der Welt ist.