Der Glaube

In der heutigen Zeit erscheint eine Großtat im Namen des religiösen Glaubens bestenfalls als seltsam. Glaubte Abraham an Gott? Zweifelsohne! Aber vertraute Abraham Gott?

"Mich beängstigt der Stolperstein des Glaubens, sein fataler Kreislauf"!
O. Mandelstam

Es gibt in der Bibel eine Stelle, das uns zwangsläufig verwirrt. Es ist die Tat Abrahams, als er sich nach der Anweisung Gottes auf den Berg Moria begab, um seinen geliebten, einzigen, heiß ersehnten Sohn zu opfern. Den Sohn, den Gott Abraham und Sarah in deren hohem Alter geschenkt hat... Im Herzen erhebt sich unwillkürlich die Frage: Ist denn der Gott der Bibel wirklich so grausam, dass Er dem Menschen das Teuerste wegnehmen will?
Abraham stand in der Früh auf, sattelte seinen Esel, nahm seinen Sohn Isaak mit, hackte Brennholz für die Feuerstätte und begab sich zu jener Stelle, die ihm Gott genannt hatte. Sie gingen drei Tage lang. Wir wissen nicht, worüber er während dieser langen Tage nachgedacht hat. Wir wissen nur, dass er zu diesem Berg ging, wo er seinen einzigen Sohn töten sollte.

Aber warum ging er denn? Ging er auf dieses klare – furchtbare! – Ziel zu, ohne zu schreien und zu Gott um Gnade zu flehen? Warum machte er sich überhaupt auf den Weg, wogegen er doch die einzige Freude seines alten Lebens umklammern und sagen hätte können: „Nein, ich gebe ihn nicht her!"
Hier stoßen wir an die Grenze unseres gewohnten Alltagsverstandes. Mancher wird an dieser Stelle zu lesen aufhören und Abraham als irren Fanatiker und die Religion als Wahnsinn bezeichnen. Aber man kann dennoch versuchen diese Grenze zu überschreiten und dann in das Geheimnis des Glaubens zu blicken.

... Als sie die Stelle erreicht hatten, fragte Isaak den Abraham: "Vater, hier sind Holz und Feuer, aber wo ist denn das Opferlamm?" – "Gott wird Sich das Lamm auserwählen, mein Sohn..." Abraham richtete die Opferstätte her, legte das Brennholz zurecht, fesselte seinen Sohn und legte ihn auf die Opferstätte. Ein Augenblick – schon ist die Hand mit dem Messer erhoben, als plötzlich eine Stimme vom Himmel ertönte: "Abraham! Abraham! Erhebe deine Hand nicht gegen den Jüngling! Tue ihm nichts an, denn nun weiß Ich, dass du Gott fürchtest und deinen einzigen Sohn Mir nicht vorenthalten hast." Da bemerkte Abraham auch einen Widder, der im Dickicht mit seinen Hörnern verfangen hatte. Diesen Widder brachte Abraham anstatt seines Sohnes als Opfer dar.

Wozu musste Gott mit Abraham so umgehen? Wusste denn Gott nicht, dass Abraham ohnehin an Ihn glaubte, daran glaubte, dass alles von Gott Verkündete in Erfüllung geht? Erinnerte sich Abraham, wie die alte, unfruchtbare Sarah nach der Verheißung Gottes einen Sohn geboren hatte? Glaubte Abraham an Gott? Zweifelsohne! Aber vertraute Abraham Gott?
Ja – und deshalb stellte er während dieser drei langen Tage kein einziges Mal Gott die Frage: "Warum?" Es war mehr als Glaube, Abraham vertraute Gott alles an, was er hatte: sowohl sich selbst, als auch sein Leben und seine Freude und Hoffnung – seinen geliebten Sohn, und zwar in einem solchen Maß, dass er einfach gehen musste. Er verstand nicht wie, er grübelte nicht nach warum, - aber er glaubte daran, dass Gott weder ihm noch seinem Sohn etwas Böses zufügen wird. Seither ist Abraham der Vater aller Gläubigen, das Vorbild des Glaubens.

Die Großtat Abrahams bestand darin, dass sich sein Glaube an Gott stärker als alles andere erwiesen hat, stärker als alles Menschliche in uns: stärker als Liebe, Bewusstsein, Pflicht, Vernunft, stärker als all das, was wie ein Kokon unser Leben umgibt und die Illusion von Stabilität, Sicherheit und Gewissheit für den morgigen Tag schafft. Das Unglück besteht dabei darin, dass der Kokon oft stärker wird, als der in ihm heranwachsende Schmetterling. So kann dieser seine Flügel nicht ausbreiten, um der Welt seine Schönheit zu zeigen. Um die Erde zu verlassen, muss man sich abstoßen. Um Gott zu sehen, muss die Seele alles Irdische mit solcher Wucht abschütteln, dass dieser Abstoß den Himmel zu erreichen vermag. Die Seele Abrahams war dazu bereit. Die Großtat seines Glaubens „verrückte" wirklich den Himmel zu Erde hin: Wenn ein Mensch bereit ist, Gott alles zu geben, dann wird auch Gott nicht zögern Sein Leben für die Erlösung der Menschen am Kreuz hinzugeben...

Heute erscheint eine solche Großtat des Glaubens zumindest seltsam. „Die Menschen bereisen die ganze Welt, um verschiedene Flüsse, Berge, neue Sterne, seltene Vögel, sonderbare Fische und absurde Arten von Lebewesen zu sehen. Sie bilden sich ein, sie hätten etwas Besonderes gesehen. Mich interessiert all das nicht. Wüsste ich dagegen, wo ich einen Glaubensritter finden könnte, würde ich zu Fuß zu ihm gehen, sogar bis ans Ende der Welt." Diese Worte stammen von Søren Kierkegaard, einem dänischen Denker, der am Vorabend des XX. Jahrhunderts anschaulich zeigte, dass jener Mensch, der keinen Glauben hat, zur Sisyphusarbeit verdammt ist, seine innere Leere zu füllen.
Der religiöse Glaube erschöpft sich nicht im „Glauben an Gott" und im „Gottvertrauen". Gott glaubt auch an den Menschen, sogar dann, wenn der Mensch aufgehört hat, an sich selbst zu glauben.
Der Glaube Abrahams – und mit ihm auch eines jeden Gläubigen - ist immer ein aufopfernder. Es ist um ein Vielfaches leichter, an die Macht des Geldes zu glauben, an die Kraft der Beziehungen, an sich selbst, an die „Menschheit". Denn ein solcher Glaube gibt, ohne etwas zu nehmen. Aber der Alltagsglaube kann keinen neuen Menschen hervorbringen – er kümmert sich nur um das Fleisch, das hinfällig ist und letztendlich stirbt. Der religiöse Glaube fordert dagegen den ganzen Menschen, eröffnet dafür aber das Tor zum ewigen Leben.