Weihnachtsbotschaft seiner Heiligkeit Kyrill, des Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus' 2016

Weihnachtsbotschaft seiner Heiligkeit Kyrill, des Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus', an die Bischöfe, Priester, die Mönche und Nonnen und alle treuen Kinder der Russischen Orthodoxen Kirche

«Die Liebe Gottes wurde unter uns
dadurch offenbart, dass Gott seinen einzigen
Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben»
(1 Jh. 4, 9)

 

Hochgeweihte Oberhirten, hochwürdige Väter, hochverehrter Mönchsstand, liebe Brüder und Schwestern!

Ich wende mich an Euch alle vom Herzen her, das von der Freude über den im Fleisch erschienenen Sohn Gottes überfließt, und gratuliere Euch zum lichten und lebensbringenden Fest der Geburt unseres HERRN und Erlösers Jesu Christi.
„Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“ (Lk. 2, 14). Indem wir den unsagbaren Herabstieg des Heilands zu uns alle Jahre wieder verherrlichen, wie einst die Hirten in Bethlehem, die vom Engel „eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll“ (Lk. 2, 10) erhörten, eilen wir uns, durch die geistige Augen den Messias zu schauen, dessen Kommen die glorreichen Propheten vorhersagten, und das von einer großen Zahl Männer und Frauen erwartet wurde.
Und „das Ersehnte aller Nationen“ (Hag. 2, 7), so das Wort des Propheten Haggai, entäußert sich, indem er wie ein Sklave und den Menschen gleich wird (Phil. 2, 7). Der Weltallgebieter wählt sich nicht einen Kaiserpalast, nicht die Heimstätte der Herrscher dieser Welt, nicht ein Gemach der Reichen und Vornehmen. Es gibt für ihn nicht einmal einen Platz in der Herberge. Der Sohn Gottes wird in der Höhle für das Vieh geboren, und die Futterkrippe für die Tiere wird zu seiner Wiege.
Was ist ärmer, als die Höhle, und demütiger, als die Windeln, durch die der Reichtum der Gottheit erglänzt ist? Indem Christus die äußerste Armut (die Hypakoi des Festes) für das Mysterium unserer Erlösung erwählte, akzeptiert er absichtlich nicht jene Werte, die für sehr bedeutsam in unserer Welt gehalten werden: Macht, Reichtum, Ruhm, die adlige Abstammung und den hohen sozialen Status. Er schlägt uns ein anderes Lebensgesetz vor, das Gesetz der Demut und der Liebe, das Arroganz und Bosheit besiegt. Diesem Gesetz nach wird die menschliche Schwäche, die mit der Gnade Gottes vereint wird, zu jener Kraft, der keine Machthaber dieser Welt
entgegenstehen können. Die Kraft Gottes bringt sich nicht in der irdischen Erhabenheit und im weltlichen Wohlergehen zum Ausdruck, sondern in der Einfachheit und in der Demut des Herzens.
Dem Wort des hl. Serafim von Sarow nach, „sucht der HERR die von der Liebe zu Gott und zum Nächsten erfüllt sind: das ist der Thron, auf dem er sitzen mag … „Sohn, gib mir dein Herz, - sagt er, - und ich selbst füge dir all Sonstiges hinzu“, denn das menschliche Herz kann das Reich Gottes fassen“ (Das Gespräch über das Ziel des christlichen Lebens). Der HERR verschmäht die Armen und Obdachlosen nicht, verachtet nicht diejenigen, die wenig Geld und einen nicht angesehenen Job haben, umso mehr er behinderte oder schwerkranke Menschen nicht missachtet. Dies alles an sich bringt Gott den Menschen nicht näher, noch entfernt den Menschen von ihm, weshalb dieses den Menschen nicht niederschlagen, oder zum Grund einer unheilvollen Verzweiflung werden soll. Der Heiland sucht nach uns selbst. „Gib mir dein Herz, mein Sohn“, - ruft er uns auf (Spr. 23, 26).
Das wundervolle Fest der Geburt Christi erinnert uns an die Notwendigkeit der Folge Christi, der gekommen ist, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben (Jh. 10, 10), und der selbst der einzige wahre Weg, die unentbehrliche Wahrheit und das echte Leben ist (Jh. 14, 6). Mögen die unvermeidlich eintretenden Schwierigkeiten uns nicht erschrecken und möge niemand von uns an den ihm zufallenden Prüfungen zerbrechen, denn Gott ist mit uns! Gott ist mit uns, und die Furcht verschwindet aus unserem Leben. Gott ist mit uns, und wir finden seelische Ruhe und Freude. Gott ist mit uns, und wir gehen unseren Weg auf Erden in fester Hoffnung auf ihn.
Indem der Mensch Christus folgt, widersteht er den Elementarmächten der Welt. Er unterwirft sich den begegnenden Verlockungen nicht und zerstört entschieden die auf diesem Weg stehenden Schranken der Sünde. Denn die Sünde entfernt uns gerade von Gott und macht unser Leben tatsächlich bitter. Gerade die Sünde, indem sie von uns das Licht der göttlichen Liebe abschirmt, bringt uns in verschiedenste Nöte und verhärtet unsere Herzen gegenüber anderen Menschen. Die Sünde wird nur durch die Gnade des Heiligen Geistes besiegt, die uns über die Kirche gewährt wird. Die Kraft Gottes, wenn wir diese aufnehmen, verwandelt unsere innere Welt und hilft, dem Willen Gottes gemäß, die äußere Welt zu ändern. Darum verlieren die von der kirchlichen Einheit auf eine oder andere Weise Abtrünnigen, dem vertrocknendem Baum ähnlich, die Fähigkeit, die echten guten Früchte zu tragen.
Heute möchte ich ein besonderes Wort an die Einwohner der Ukraine richten. Der brüdermörderische Widerstand, der im ukrainischen Land entstanden ist, soll die
Kinder der Kirche nicht teilen, indem dieser in den Herzen Hass erregt. Echte Christinnen und Christen können weder Nächste noch Ferne hassen. „Ihr habt gehört, - wendet sich der HERR an den ihm Zuhörenden, - dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten“ (Mt. 5, 43-45). Mögen diese Worte des Erlösers für uns alle zur Führung im Leben werden, und mögen die Bosheit und die Abneigung gegenüber anderen niemals einen Platz in unserer Seele finden.
Ich rufe alle Kinder der multinationalen Russischen Orthodoxen Kirche auf, in besonderer Weise für das schnellstmögliche Aufhören der Feindschaft in der Ukraine zu beten, für Heilung der durch den Krieg den Menschen verursachten Wunden, sowohl der körperlichen, als auch der seelischen. Lasst uns in der Kirche und zuhause Gott darum aufrichtig bitten, lasst uns auch für diejenige Christinnen und Christen beten, die ferne von unseren Ländern leben und die unter bewaffneten Konflikten leiden.
In dieser lichten Nacht und in den darauffolgenden heiligen Tagen lasst uns unseren Erlöser und HERRN lobpreisen und rühmen, der um seiner großen Barmherzigkeit an den Menschen willen beliebte, in die Welt zu kommen. Den biblischen Sterndeutern ähnlich lasst uns Christus, dem Kind Gottes, unsere Gaben darbringen: statt Goldes – unsere aufrichtige Liebe, statt Weihrauchs – das warme Beten, statt der Myrrhe – die gute und sorgsame Behandlung von Nächsten und Fernen.
Indem ich Euch, meine Lieben, noch einmal zum lichten Christfest sowie zum eingetretenen neuen Jahr gratuliere, wünsche ich Euch im Gebet die reiche Gnade und Erbarmung des gnadenreichen HERRN Jesus Christus. Amen.

 

+Kyrill, Patriarch von Moskau und der ganzen Rus'
Christi Geburt
2015/2016
Moskau

Quelle: www.patriarchia.ru